Hier einige Stücke und Fotos von Kirchenkonzerten in Aurich und Weener:
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Politik - Musik – Gesellschaft
Musik spielt nicht in einem luftleeren Raum. Sie ist vielmehr Spiegelbild der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Da Musik Seele und Emotionen der Menschen anspricht, ist sie im Laufe der letzten Jahrhunderte immer auch für politische Botschaften instrumentalisiert worden. Klarster Ausdruck dieses Bestrebens sind die Nationalhymnen, die beim Mitsingen Gemeinschaft erzeugen und die Bürger auf den Staat einschwören sollen. Dieses erfolgreiche Rezept wird in der heutigen Zeit z.B. im Kosmos des Fußballs verstärkt. Jede größere Fußballmannschaft propagiert eine Vereinshymne. Stadiongesänge zeigen Wirkung weit über das Fußballmetier hinaus. „Major Tom – völlig losgelöst“, „This Time for Africa“, „Fire“, „Tage wie diese“, „I’m still standing“, „54, 74, 90, 2010“, „We are the Champions“, „The Final Coutdown“, „Go West“, „Live is life“, „I’m still standing“ und „Livin‘ la Vida Loca“ – um nur einige wenige zu nennen.
In historischer Rückschau denkt man beispielsweise an Wagners großartige Musik als Propagandainstrument und auf der Gegenseite alle ausländisch-zeitgenössische Musik wie z.B. Jazz als „entartet“ bei den Nationalsozialisten. Dem bedeutendsten Komponisten der Sowjetunion, Dimitri Schostakowitsch, gelang es selbst in der dunkelsten Stalin-Zeit, sich dem Propagandawunsch der Politik zu entziehen und sogar subtile Systemkritik zu formulieren. Schon im Ersten Weltkrieg (1914-1918) spielte nationalistische Musik zur Mobilisierung von Soldaten und Bürgern zu Hause eine zentrale Rolle. Über sie wurde die eigene nationale Rolle überhöht und der Gegner lächerlich gemacht sowie schließlich entmenschlicht.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) sind in schneller Folge weltweit immer neue Musikstile entstanden: Vom Pop zum Rock, vom Electro-Pop zum Hip-Hop, vom Gangsterrapp zu Techno. Heute sehen wir eine totale Globalisierung mit einer grenzenlosen Vermischung von Stilen. Die „Sprache der Musik“ wird dennoch international verstanden. Gelungene Musik ist interkontinental ausgerichtet. Musik ist bis heute immer ein Mittel, Dampf abzulassen oder Missverhältnisse in der Gesellschaft zu adressieren.
Auch die aktuelle Politik kommt nirgendwo auf der großen weiten Welt noch ohne Musik aus. Spitzenpolitiker scheuen sich trotz problematischer Stimme nicht mehr, vor Publikum das Mikrofon zu ergreifen. Künstlerinnen und Künstler positionieren sich regelmäßig für eine Partei oder deren Kandidaten. Zuletzt hatte der wortreich ausgetragene Streit zwischen Donald Trump und Taylor Swift weltweit für Aufsehen gesorgt („Ich hasse Taylor Swift“).
Kein Parteitag will heute auf aktuelle Popmusik verzichten. Das sorgt regelmäßig für Zoff. Rolling Stones, Adele oder Elton John verboten Trump, ihre Lieder zu nutzen. In Deutschland ging Herbert Grönemeyer gegen die CDU und zuletzt gegen die Grünen vor, weil sie seinen Song „Zeit, dass sich was dreht“ ohne seine Zustimmung genutzt hatten. Auf der anderen Seite machte Beyonce Wahlkampf für Kamala Harris – ohne Erfolg, wie wir heute wissen. Deutschlands jahrzehntelanger Schlagerstar
Roland Kaiser wirbt stets für die SPD, Heino setzt auf die CDU.
Drehorgelmusik (mechanische Musik)
Auch wenn es viele Vorläufer und ältere Ursprünge gab: Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der mechanischen Musik. Drehorgeln, die Organette Ariston, Spieldosen, Flötenuhren, selbstspielende Klaviere mit Notenrollensteuerung oder das „Polyphon“-Werk aus Leipzig und große „Orchestrions“ mit vielen Instrumenten hinter aufwändiger Fassade sind nur einige der „Wunderwerkel“, wie man in Österreich sagt. Kurz vor 1800 entstanden die ersten dieser Instrumente. Damit konnte Musik nicht mehr nur vom Adel live genossen werden, sondern sie schaffte es auch zu den ärmeren Leuten. Eine Art „Demokratisierung der Musik“. Nach 1895 war deren Zeit mit dem Aufkommen des Grammophons schon wieder zu Ende.
1969 wurde der Club Deutscher Drehorgelfreunde (CDD) gegründet, der sich der Renaissance der Drehorgel verschrieben hatte. Den Glaubenskrieg zwischen den Anhängern der Walzen- bzw. Notenrollen-Orgeln und der Midisysteme lassen wir hier mal außen vor, weil das ein eigenes großes Thema ist. Jedenfalls fanden oft gut betuchte Bürger Gefallen daran, diese historischen Instrumente wieder zu spielen. Die innere Logik dieser Bewegung legte den Schwerpunkt des Musikangebots auf Traditionelles bzw. Historisches. Die Spielerinnen und Spieler erschienen in oft aufwändigen Kostümen hinter ihren Orgeln in der Öffentlichkeit. Man frönte der vermeintlich guten alten Zeit.
Doch diese Periode geht mit Macht zu Ende. Hatte der CDD Anfang er 2000er Jahre noch über 1.000 Mitglieder, sind es heute schätzungsweise noch 300 – Tendenz: Dramatisch fallend. Einer der letzten noch aktiven Orgelbauer sagte mir vor kurzem „Der Zug ist gefühlt schon abgefahren“. Nachwuchs gibt es kaum, die bisherigen Spieler sind hochbetagt. Folgerichtig gibt es heute ein dramatisches Überangebot an Drehorgeln, die wegen des Todes ihrer einstigen Eigentümer nicht mehr gebraucht werden. Eine der vielen Ursachen für das sich abzeichnende Ende dieser Musikgattung: Das veraltete Musikangebot interessiert jüngere Menschen nicht. Die Drehorgelspielerinnen und -spieler bleiben bei ihren Festivals unter sich. Bestenfalls können sie noch in Altersheimen oder Kirchen landen.
Dabei ist das zentrale Problem der einschlägigen Szene die ausgebliebene „Vermarktung“ und Promotion. Es wurden keine zeitgemäßen Rahmen wie Themenkonzerte, Mitmachevents oder öffentlichkeitswirksame Superlative geboten, die Aufmerksamkeit generieren. Dabei muss mechanische Musik nicht bei einem Vierteljahrhundert alten Schlagern stehen bleiben. Denn große chromatische Drehorgeln können praktisch jede Musik in Szene setzen: Pop oder Rock, moderne Klassik ebenso wie Techno. Wenn ein jüngeres Auditorium doch in Kontakt mit moderner Drehorgelmusik kommt, deren Wirkung noch durch gemeinsamen Gesang verstärkt wird, ist es meist regelrecht begeistert.
Ostrhauderfehn, im April 2025
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